Zwischen Vision und Tradition: Ein rumänisches Dorf spielt Theater

Ein Stationentheater im rumänischen Dorf Holzmengen - das gab es dort noch nie! Mit den Bewohnern des kleinen Ortes und Schauspielern aus der europäischen Kulturhauptstadt 2007: Sibiu/Hermannstadt. Ein mutiges Vorhaben von fünf jungen Theaterkünstlerinnen aus Berlin in einem Land mit 19 Minderheiten, die nach dem EU-Beitritt noch auf der Suche sind nach einer gemeinsamen Zukunft.

Im vergangenen Herbst wagten die Schauspielerin Susanne Berckhemer und die Dramaturgin Dagmar Domrös ein Experiment. Sie reisten in die malerische Landschaft Transsilvaniens, wo fließendes Wasser und Elektrizität eher selten sind und statt Autos Pferdewagen über die staubigen Schotterwege fahren. In Holzmengen, einem Ort mit 800 Bewohnern - Rumänen, Roma, Sachsen, Ungarn - gibt es zwar eine Schule. Es fehlen aber Bücher und die nötige Motivation, da viele Schüler oft schon mit 14 Jahren aufhören zu lernen und früh heiraten. Weiterführende Schulen sind nur mit dem Bus erreichbar, das Geld für eine Fahrkarte fehlt.
Das Projekt Zalina begeisterte die Holzmengener Kinder: Sie schrieben Aufsätze und Anekdoten über ihre Herkunft; nach und nach kamen die Biographien anderer Ortseinwohner dazu. Siebenbürger Sachsen, Ungarn, Rumänen erzählten ihre Lebensgeschichten in Wohnzimmern, Gartenlauben, auf Wiesen. Die jüngst für den Bachmannpreis nominierte Autorin Jagoda Marinic' entwickelte aus diesen Aufzeichnungen ein Theaterstück: Zalina heißt das Märchen über das Leben irgendwo in Transsilvanien.
Die junge Titelheldin Zalina sucht verzweifelt ihren Weg in die Zukunft. Sie ist hin- und her gerissen zwischen alten Traditionen und neuen Träumen. Bedroht von Illusionen und falschen Versprechungen für eine bessere Welt, wehrt sie sich gegen das Vergessen und Verstummen im konfliktreichen Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in ihrem Dorf. Die längst vergessenen Geschichten verändern das junge Mädchen und ihren Blick auf die Menschen, die sie umgeben.
Die Zuschauer sind eingeladen, Zalina auf der Spurensuche durch ihren Heimatort Holzmengen zu begleiten, hinter die bunten Fensterläden der einfachen Häuser mit den roten Ziegeldächern zu schauen und den Alltag dieses rumänischen Dorfes kennen zu lernen, in dem - nur auf den ersten Blick - die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Das Stück wird in rumänischer Sprache mit englischer und deutscher Übersetzung gezeigt.

Die Inszenierung hat Regisseurin Susanne Chrudina übernommen. Keine leichte Aufgabe, denn abgesehen von den ganz unterschiedlichen Mitwirkenden, wird das ganze Dorf zur Bühne und verlangt einen kreativen Umgang mit den Gegebenheiten vor Ort. Wie Ausstatterin Malve Lippmann findet sie genau das interessant.

Die Teammitglieder haben auch einen persönlichen Bezug zum Thema Auswanderung: Die Familie von Jagoda Marinic' kommt aus Kroatien, Susanne Chrudinas Eltern flohen aus Tschechien und Susanne Berckhemers Familie verließ Rumänien Anfang der 60er Jahre. Der schmerzliche Verlust der Heimat steckt auch in ihren Familiengeschichten.

Die gemeinsame Projektidee der fünf Frauen war, das kulturelle Erbe der vielen unterschiedlichen Nationalitäten in Rumänien – darunter auch 850 Jahre deutsche Kultur - zu einer gemeinsamen, positiven Kraft zu bündeln, um so einen Dialog zu ermöglichen. Interesse und Respekt sind die wichtigsten Voraussetzungen hierfür, die Zalina schaffen möchte.

Holzmengen - Hosman - Holcmány: Ein Dorf erzählt... Zalina

Ein Stationentheater mit den Bewohnern von Holzmengen und Schauspielern aus Hermannstadt. In rumänischer Sprache mit deutscher und englischer Übersetzung.

Stück: Jagoda Marinic'
Regie: Susanne Chrudina
Ausstattung: Malve Lippmann
Übersetzung: Radu Alexandru Nica
Filmdokumentation: Thomas Jacoby
Produzenten: Susanne Berckhemer und Dagmar Domrös // Spree Agenten

Es spielen: Johanna Adam, Catalin Grigoras und Laurentiu Vlad

www.zalina-theater.com